top of page

Francis Francis' eigene Worte - ein Buchauszug:

Als ich an der Südseite des Central Park angekommen war, entschied ich, dass es Zeit war, eine Pause einzulegen. Also setzte ich mich auf eine Bank und aß eins von meinen mitgebrachten Sandwiches.

Es war meine erste Mahlzeit außerhalb von Harlem seit etwa sieben Jahren. Ich kannte Manhattan, aber mir schien es, als sei aus allem, was mich umgab, die vordergründig böse Exaltiertheit verschwunden. Nichts erschien mir mehr in irgendeiner Richtung eindeutig. Es kam mir vor, als versuche jedes Gebäude und jeder Mensch so neutral wie möglich zu wirken. Doch später wurde mir klar, dass ich nur Opfer meines alten Blickwinkels gewesen war. Vielleicht lag es nur an der Kleidung der Leute oder die Art, wie sie mich ignorierten. Hinter der Ignoranz schwamm immer ein kleiner lautloser Schwarm her. Oder Angst. Hier in Midtown schien ich ebenso fehl am Platz, wie es mittlerweile die Pferdekutschen waren, eben weil Neger hier die Fahrstühle bedienten und den Dreck von den Straßen fegten. Manche fuhren sogar Taxi oder hatten sich als Polizisten prostituiert.

Aber ein von allem wie losgelöst scheinender Schwarzer mit einem Handwagen passte nirgendwo hin. Dies klingt so, als sei ich allein gewesen, doch es gab einige ähnliche Gestalten wie mich, allerdings hatten sie kein Ziel, im Gegensatz zu mir. Und auch sie konnten sich, ebenso wenig wie die Weißen, vorstellen, was ich vorhatte. Es war einfach zu abwegig.

Ein Nigger in billigen Klamotten, der einen Handwagen hinter sich herzog und der einen grimmigen Plan hatte. So etwas war nicht mal originell genug fürs Fernsehen. Nicht mal für ein Groschenheft.

Die Fünfzigerjahre hielten sich für fortschrittlich, aber immer, wenn man so etwas sagte, immer wenn man das eigene Tun und das Prosperieren lobte, verschwieg man auch etwas. Denn zu keiner Zeit hat es allumfassenden Wohlstand gegeben. Sie können nichts behaupten, ohne gleichzeitig etwas Gegenteiliges zu verschweigen.

Das reichste Land der Welt:

Die Mütter in Florida, die von 5 Uhr morgens bis 4 Uhr Nachmittags auf den Feldern schuften, können ihre Kinder nicht mal in einen Hort schicken, weil das 85 Cent kostet und Mutter nur einen Dollar verdient. Die Kids bleiben den ganzen Tag in den Baracken, und die Ratten fressen ihre Betten auf. Frauen von Ende 20 mit über 10 Kindern sind keine Seltenheit.

Menschen werden in Lastwagen von Staat zu Staat „transportiert“, zu den Feldern und Baustellen. Allerdings sind das nicht nur Schwarze, auch Weiße gehören zu dieser untersten aller Schichten.

1957 hat es in North Carolina einen schweren Unfall mit diesen LKWs gegeben. In nur sechs Staaten in unserem wohlhabenden Land gibt es Regelungen für den sicheren Transport von Arbeitern.

Es gibt diese Labor Camps in New Jersey, auch im Staat New York, 90 Meilen vom Times Square entfernt, also nur einen Katzensprung entfernt von den Straßen, auf denen ich nun den Handwagen hinter mir her zog.

Riverhead, Long Island, NY – das Wort Slum ist dafür ein krasser Euphemismus. The Bottoms. Primitiver als dort wäre nur noch die freie Natur …

Die ärmsten Leute leben eng zusammen, und damit meine ich schwarze und weiße. Tür an Tür. Und die kleinen Kinder spielen zusammen, bis sie dann ab der Schulzeit lernen, dass sie sich voneinander unterschieden, denn die weißen Kids gehen zur weißen und die schwarzen zur schwarzen Schule. Kinder sind keine Rassisten, denn sie sind neugierig und wissbegierig. Sie lieben alle Farben. Und genau das wird ihnen ausgetrieben.

© 2018 Guido Ahner

bottom of page